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Die reiche Lady pflegte Ihre Liebhaber in der einsamen, vornehmen „Villa Nachtigall” in einem verträumtem Waldwinkel zu empfangen – wenn man der Roman-Autorin Agatha Christie glauben darf. Wer die Bad Uracher Alb kennt, weis, wo diese geheimnisvolle Villa steht. Das sagenhafte Haus ist nämlich eindeutig identifizierbar auf der Umschlagseite der deutschen Ausgabe des Buches: Es ist das „Schlössle” in einem Seitental der Erms unterhalb des Bad Uracher Stadtteils Seeburg. Allerdings, die legendären Liebhaber von Agatha Christies Lady aus dem Kriminalroman sind hier nicht bekannt. Der ungewöhnliche, über Eck gestellte quadratische Bau mit seinem Erkerturm und seiner eingezäunten Dachterrasse regt indessen jedermanns Fantasie an – auch wenn er kein Buchverleger ist. Auch Autohersteller und Modeschöpfer haben das malerische Schlösschen und seinen kleinen Park schon lange entdeckt als effektvolle Kulisse zu Werbeaufnahmen.

Bauherr war 1885 Dr. med. Karl Schmid (1831-1904) aus Stuttgart. Er hatte sich vom damaligen Uracher Oberbürgermeiste Graser nach den Plänen des Stuttgarter Architekten Müller sich diesen Bau als Privatsanatorium und Wohnhaus errichten lassen und dabei architektonische Stil aus alter Zeit und südlichen Ländern realisiert. Der quadratische Bau ist von der Rückseite her über eine Treppenturm zugänglich. Die oberen Geschossflächen sind wiederum in vier quadratische Räume aufgeteilt mit einer wirklich „zentralen” Heizung: Vom Untergeschoss her wurde das ganze Haus durch einen Warmluftofen in Hausmitte erwärmt. Den Alb-Winter haben Bauherr und Baumeister auch bei der Wahl des Baumaterials und bei der Mansardedachdeckung Rechnung getragen. Seeburger Tuffstein wurde verwendet. Mit Stroh- und Lehmwickeln hinter den steil geneigten Dachplatten aus Zinkblech war auch im Dach eine gute Isolierung für Sommer und Winter gesichert.

Die Zimmer waren (und sind es teils noch bis heute) mit Einbauschränken ausgestattet. In einem der Räume blieb noch die – von Hans Helferstorfer restaurierte – Ausmalung erhalten. Der Restaurator hat bei dieser Gelegenheit den ehemaligen Hausherren in einem Medaillon dargestellt mit dem Umbaujahr in den römischen Zahlen MCMLXXII, die manchen Gast die Jahreszahl 1972 mühsam entziffern lassen. Die Holztäfelung der Gasträume trägt viel zur Atmosphäre bei – ebenso wie die vielen Ausstellungsstücke in Vitrinen und auf Gesimsen. Wohl nicht von ungefähr wies Dr. Schmid einst in seiner Werbung auf „guten, reinen Wein” hin, den er im Keller habe: Der Herr Doktor hatte einen gewölbten Wein-Keller, der heute ein gutes Kellerklima hat. Zu den technischen Finessen des Hauses gehört auch der immer noch funktionsfähige Handaufzug von der ehemaligen Küche im Untergeschoss bis zur Kopfstation im Geschirrschrank des Speisezimmers. Nur zwei Gäste- und ein gemeinsames Wohnzimmer hatten die Kurgäste jenes Doktors aus Stuttgart. Das Haus hatte also eine eher bescheidene Bettenkapazität, bei der er sich Ausfälle nicht erlauben konnte: Die Gäste mussten deshalb vierteljährlich vorausbezahlen: Dr. Schmid erwartete in seinem Tusculum betuchte Dauergäste mit einer „Verweildauer”, wie wir heute sagen würden, von wenigstens drei Monaten. Er stellte ihnen dafür aber nicht nur Verpflegung, Quartierung, ärztliche Kontrolle samt Medikamenten in Aussicht, sondern auch geistige Fortbildung in Fremdsprachen und Musik.

Die „Frau Doktor” war zur Unterweisung in Haushaltsführung bereit. Damit nicht genug - den Pensionsgästen winkte im Seeburger Doktorhaus laut Prospekt auch ein gewisser Familienanschluss und „gesellschaftlicher Verkehr”. 1904 starb der Arzt und damit war nach 19 Jahren die Zeit des Hauses als Privatsanatorium vorbei. Frau Anna Schmid geb. von Maersch kehrte später nach Stuttgart zurück und verkaufte das Haus an den Verwaltungsaktuar Max Mühleisen. Max Mühleisen hat als Finanzfachbeamter von hier aus eine Reihe von Gemeinden haushaltsrechnerisch betreut. Hatte der Doktor einst in den Stein Portikus an seinem Haus den lateinischen Spruch „Odi profanum vulgus et arceo” (ich hasse das Gemeine und halte es von mir fern) nach Horaz einmeißeln lassen, so wählte man auf der angebauten Terrasse im Anbau einen schlichten deutschen Sinnspruch für seine Gäste: Mach es wie Sonnenuhr und zähl die heiteren Stunden nur.